125 Jahre Elbe-Jeetzel-Zeitung / 1854 - 1979
Heimatzeitung im Kreise Lüchow-Dannenberg
Jubiläumsausgabe
Sonnabend, 1. Dezember 1979
"Um Wünschen und Hoffnungen ein Sprachrohr zu geben
Von der "Zeitung für das Wendland“ bis zur EJZ
Aus Anlaß des 125 jährigen Bestehens der Heimatzeitung für den Kreis Lüchow-Dannenberg erscheint es angebracht, zurückzuschauen auf die Tage der Gründung dieses Blattes und auf das Wachsen der Zeitung im Wandel der Zeit. Von der "Zeitung für das Wendland“ von 1854 bis zur "Elbe-Jeetzel-Zeitung“ 1979 führt ein weiter, mit vielen Hindernissen gespickter Weg. Um ihn erfolgreich zurückzulegen, waren Fleiß, Mut, Idealismus und viel Engagement erforderlich. 125 Jahre Lüchower Zeitungsgeschichte sind ein Stück Heimatchronik, gekennzeichnet vom rasanten Fortschritt des verflossenen Jahrhunderts.
Über die Gründung der Heimatzeitung in Lüchow berichtet der Chronist: "Die Männer, die sich Ende des Jahres 1854 in Lüchow zu dem Entschluß zusammenfanden, eine Zeitung zu gründen, kamen aus den Kreisen des mit liberalen Ideen erfüllten Bürgertums, das seit den Tagen der Märzrevolution 1848 die Stunde zum Handeln gekommen sah. Diese politisch aufgeschlossenen und wirtschaftlich fortschrittlich denkenden Lüchower Bürger schlossen sich zu einer "Aktiengesellschaft" zusammen, um ihren Wünschen und Hoffnungen ein Sprachrohr zu geben. Am Stammtisch des Lüchower Ratskellers beschlossen sie unter Führung des Weinhändlers Schultz, des Kaufmanns Neubauer und nicht zuletzt des Ingenieurs Karl Hennings die Gründung der "Zeitung für das Wendland."
Doch bis zur Ausführung des Beschlusses waren noch einige Schwierigkeiten zu überwinden, denn eine Zeitungsgründung kostete auch schon damals sehr viel Geld. Finanzielle Unterstützung fanden die Männer durch die Witwe des Buchbinders Otto Saur, die in der Langen Straße eine kleine Druckerei errichtet hatte. Sie erklärte sich sofort bereit, die Zeitung herauszugeben. Voraussetzung dafür war jedoch die Zahlung einer Kaution von 2500 Talern(!); denn der Märzsturm 1848 hatte zwar die Zensur für die Presse hinweggefegt, aber der Staat war schnell dabei, der Pressefreiheit "zur Verhinderung des Mißbrauchs“ neue Fesseln anzulegen. Die Landdrostei Lüneburg also bat die Witwe Saur zur Kasse, begnügte sich zunächst dank Fürsprache des Lüchower Bürgermeisters Guse mit 500 Talern, um aber 1861 ohne weiteren Aufschub die Restsumme von 2000 Talern zu fordern.
Da der Betrieb sich gut entwickelte, erwarb der Sohn der Witwe, August Saur, in der Wallstraße ein Grundstück und ließ hier ein Druckereigebäude mit Kontor und Papierlager errichten. Es war 1869 bezugsfertig, und ein Jahr später wurde die erste, noch mit der Hand betriebene Schnellpresse angeschafft. Der eifrigste Mitarbeiter der Zeitung war Mitgründer Karl Hennings, der für Fortschritt und Neuerungen eintrat und durch seine offene Kritik Anstoß erregte bei denen, die noch in der Zwangsjacke des Obrigkeitsstaates steckten und vom kämpferischen Ton der Zeitung verwirrt waren. Diesen "Nörglern“ trat die "Zeitung für das WendlanÜ“ in ihrer Ausgabe vom 7. Dezember 1855 mutig entgegen und schrieb: "Durch die Neuheit und die Unbekanntschaft mit dem Zweck einer Local-Zeitung entstehen oft sonderbare Mißverständnisse, und so fühlt mancher sich persönlich verletzt, wenn öffentliche Übelstände gerügt werden. Wir können in solchen Fällen auf einzelne nicht Rücksicht nehmen ..."
Als August Saur 1890 starb, wurde seine Frau Elise Verlegerin der "Zeitung für das Wendland“ und stellte als Redakteur und Geschäftsführer Wilhelm Grupe ein. Dieser verließ 1893 das Unternehmen, nachdem sein Plan, die Druckerei zu erwerben, an der Höhe des Preises gescheitert war. Nach Grupes Ausscheiden übernahm der 1851 in Kölleda bei Weimar geborene und seit 1870 im Betrieb von August Saur tätige Ernst Köhring die Geschäftsleitung der Firma. 1895 kaufte er die Druckerei und übernahm als Verleger und Redakteur die Herausgabe der Zeitung. Nach seinem Tode 1901 trat sein Sohn Ernst Köhring das Erbe an und wurde wie sein Vater auch Redakteur der "Zeitung für das Wendland“.
Nach dem ersten Weltkrieg nahm die Zeitung im Zuge der innenpolitischen Neuordnung einen bedeutenden Aufstieg. 1928 kam es in Lüchow zu einer neuen Zeitungsgründung durch das Landvolk. Mit diesem Blatt, "Das Landvolk“, wurde zunächst die "Lüchow-Dannenberger Zeitung“ vereinigt, und drei Jahre später übernahm der Landvolk-Verlag auch die Grupesche "Lüchower Kreiszeitung“. Am 1. April 1934 vereinigten sich "Das Landvolk“ und die "Zeitung für das Wendland“ zu einer Zeitung unter dem Titel "Allgemeiner Anzeiger für den Kreis Dannenberg-Lüchow“.
In Dannenberg gab H. König seit 1853 die "Jeetzel-Zeitung“ heraus, die zweimal wöchentlich erschien und für die H. Esmarch als Redakteur verantwortlich zeichnete. 1913 steht Ludwig Ilsemann als Inhaber im Impressum dieser Zeitung, die damals den Untertitel "Zeitung für den Regierungsbezirk Lüneburg und Kreisblatt für den Kreis Dannenberg“ trug. Gedruckt wurde die "Jeetzel-Zeitung“ bis 1944 in der Buchdruckerei Esmarch, Inhaber Ilsemann, in Dannenberg. Dann erwarb der Verlag Köhring & Co. in Lüchow die "Jeetzel-Zeitung“, so daß damit nur noch eine Zeitung in diesem Landkreis erschien.
Nach dem politischen und militärischen Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 fiel der "Allgemeine Anzeiger“ wie alle deutschen Tageszeitungen dem generellen Erscheinungsverbot der Siegermächte zum Opfer. Der vielzitierte deutsche Blätterwald rauschte nicht mehr, er war tot. Die "Wiederaufforstung“ vollzog sich spärlich. Mit Genehmigung der Besatzungsmächte erschienen hier und da neue Zeitungen, vornehmlich in den großen Städten, in denen aus den Bombentrümmern neues Leben erwuchs. Diese sogenannten Lizenzzeitungen erreichten schnell relativ hohe Auflagen, denn ihr Verbreitungsgebiet war groß und der Nachrichtenhunger der Menschen nicht minder. Aber dünn waren die einzelnen Ausgaben, zumeist umfaßten sie vier, später sechs Seiten und sonnabends acht, weil das Papier Mangelware war und von der Militärregierung zugeteilt wurde. Die Lizenzzeitungen in Hannover und Hamburg versorgten auch die niedersächsische Provinz. So fand man in den Buchhandlungen im Kreise Lüchow-Dannenberg Bezirksausgaben der "Hamburger Allgemeinen Zeitung“, der "Niederdeutschen Zeitung“, der "Hannoverschen Presse“ (Gesamtauflage damals 360 000) und vor allem der "Lüneburger Landeszeitung“ mit Lokalnachrichten aus der hiesigen Region. Die "Landeszeitung“ konnte ihre Position in den einzelnen Kreisen des Regierungsbezirks Lüneburg ausbauen und ließ ihre Bezirksausgaben zum Teil unter anderen Titeln als sogenannte Kopfblätter erscheinen. Die LZ-Ausgabe für Lüchow-Dannenberg hieß "Neue Jeetzel-Zeitung“.
Nach Aufhebung des Lizenzzwanges 1949 und Wiederherstellung der Pressefreiheit hatten die "Altverleger“ wieder die Möglichkeit, Zeitungen herauszugeben. Viele traten an, vor allem im Bereich der Heimatpresse, und nahmen unter großen Anstrengungen den Konkurrenzkampf mit den Lizenzzeitungen auf. Der Wettbewerb war hart, und mancher Verlag mußte Federn lassen.
Zu den Mutigen, die ihrer Heimatzeitung wieder Geltung verschaffen wollten, gehörte auch der 75jährige Verleger Ernst Köhring in Lüchow. Am 1. Oktober 1949 drehten sich wieder die Räder der Rotationsmaschine in der Wallstraße, der "Allgemeine Anzeiger“ erschien wieder. Damit gab es wie vor Jahren zwei Lokalzeitungen in Lüchow-Dannenberg, und zeitweise sogar drei, denn in Dannenberg wurde Anfang der 50er Jahre auch noch die "Dannenberger Zeitung“ gedruckt.
So interessant diese Zeitungsvielfalt für die Öffentlichkeit auch sein mochte, auf die Kassen der Verleger wirkte sie auszehrend, zumal das Anzeigengeschäft in jenen wirtschaftlich keineswegs rosigen Jahren noch sehr im argen lag. Unter diesen Umständen war die Fusion der einzig richtige Weg zur Erhaltung der Lüchow-Dannenberger Lokalpresse. Die "Dannenberger Zeitung“ war bereits Mitte 1952 vom Verlag Köhring & Co. übernommen worden, und Ende 1952 waren sich auch die Lüneburger und der Lüchower Verleger einig, "Neue Jeetzel-Zeitung" und "Allgemeinen Anzeiger" zusammenzulegen und ab l. Januar 1953 die "Elbe-Jeetzel-Zeitung“ in Lüchow herauszugeben. Fusioniert wurde auch in den Nachbarkreisen, um zugleich - eine großangelegte Kooperation fast aller Kreiszeitungen im Lüneburger Bezirk zu erreichen. Die Verleger der Heimatzeitungen gründeten gemeinsam den Niedersächsischen Zeitungsverlag als Träger einer politischen Zentralredaktion in Lüneburg, die für ihre Mitgliedsverlage unter dem Titel "Niedersächsisches Tageblatt“ den politischen Teil nebst einigen überregionalen Seiten herstellt.
So blieb die Eigenständigkeit dieser Kreiszeitungen erhalten —- gedruckt wird nach wie vor am Erscheinungsort —, ja, sie wurde sogar gefestigt. Das Zeitungssterben fand im Bezirk Lüneburg nicht statt. Die klug angelegte Zusammenarbeit hat sich in 26 Jahren bis auf den heutigen Tag bewährt und wird sicherlich auch weiterhin ihre Früchte tragen.
Ernst Köhring hat zum Gelingen dieser Fusion wesentlich beigetragen und als erfahrener Zeitungsverleger dem Zusammenwirken wertvolle Impulse verliehen. Überdies konnte er den eigenen Betrieb — Druckerei und Verlag — ausbauen und festigen. Seine besondere Liebe galt der Heimatgeschichte und der Chronik seiner Vaterstadt Lüchow. Als Ernst Köhring im Alter von 87 Jahren am 24. September 1963 starb, hinterließ er den Erben ein gesundes Unternehmen und den Auftrag in seinem Sinne für "seine Zeitung“ weiterzuwirken. Das geschah. Was Ernst Köhring in über sechzigjährigem Schaffen aufgebaut hatte, wurde weiterentwickelt und modernisiert. Die Räumlichkeiten für Technik und Verlag wurden erheblich erweitert, neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Eine neue Rotationsmaschine war erforderlich. Sie konnte in der Wallstraße nicht untergebracht werden und fand in der ehemaligen Köhringschen Brennerei am Berthold-Roggan-Ring ihren Platz, nachdem dort ein entsprechender Umbau erfolgt war. Heute hat der Lüchower Zeitungsbetrieb 58 Beschäftigte. Die Geschäfte führt Verlagsleiter Wilhelm Köpper, dessen Frau Ursel und deren Mutter, Frau Louise Dierks, als Großtochter und Tochter von Ernst Köhring Inhaber des Familienunternehmens sind.
Der erste Jahrgang der "Zeitung für das Wendland“ umfaßte 104 Ausgaben mit insgesamt 416 Seiten. Heute ist der Umfang der Lüchow-Dannenberger Lokalzeitung auf mehr als das Zehnfache angewachsen. 1978 waren es genau 5932 Seiten, und in diesem Jahre zeichnet sich eine weitere Steigerung ab. Die Auflage stieg von 300 im Jahre 1855 auf heute 13 000. Beflügelt durch den technischen Fortschritt, war dieser Aufstieg möglich; denn die Methoden der Herstellung einer Zeitung haben sich im Laufe von 125 Jahren gewaltig gewandelt. Geblieben ist hingegen der liberale Geist, der bei der Gründung dieses Blattes Pate gestanden hat. Wie die Lüchower Zeitungsmacher anno 1854 sich nicht scheuten, manches heiße Eisen anzupacken, wie die Schriftleiter des "Allgemeinen Anzeigers“ während der nationalsozialistischen Herrschaft wegen mangelhafter Linientreue immer wieder Rügen und Rotstift des zensierenden Gaupresseamtes mutig hinnahmen, so betreiben auch die Redakteure der Elbe-Jeetzel-Zeitung nicht "artige Hofberichterstattung“, sondern bemühen sich gleich ihren Kollegen früherer Generationen, das Geschehen zwischen Drawehn und Elbe ungefärbt aber farbig in den Spalten dieser Zeitung widerzuspiegeln und kritisch zu betrachten.
Vor zwei Jahren ist der Kreis Lüchow-Dannenberg in das Blickfeld der großen Politik gerückt — und mit ihm seine Heimatzeitung, die zu beschreiben hat, was sich hier im Rahmen der energiepolitischen Auseinandersetzung abspielt, und von der man nicht erwarten darf, daß sie den Menschen Gartenlauben-Idylle vorgaukelt. Wie alle, die in diesem Kreise Verantwortung tragen, müssen auch die EJZ-Redakteure die neue Situation bewältigen. Sie werden dabei den journalistischen Grundsatz der sachlichen Information nicht verlassen und wünschen sich weiterhin eine objektive Leserschaft."